Ich liebe mein Kind über alles. Es gibt auf dieser Welt nichts Erfüllenderes als Emily gesund und glücklich zu sehen. So ertappe ich mich immer wieder in der Rolle einer Helikopter-Mama, die am liebsten immer und überall bei ihrem Kind sein und es in Watte packen möchte, um es vor allem Übel dieser Welt zu beschützen. Auch wenn mir bewusst ist, dass ich sie nicht vor allen Gefahren bewahren kann und soll, sie auch losgelöst von mir ihre Schritte in die Welt tun soll, um eigene Erfahrungen zu machen und sich frei und selbstbestimmt zu entwickeln, das Herz macht, was es will. Ihr seht, ein ganz klarer Fall einer Helikopter-Mama.

So kam letztes Jahr der gefürchtete September und die Wochen und Tage vor dem Krippenbeginn waren für mich und mein Seelenleben die Hölle. Dieses kleine Wesen, das zu diesem Zeitpunkt weder gehen gelernt hat, noch sich verständigen konnte, in Fremdbetreuung geben? War es tatsächlich die richtige Entscheidung, so früh arbeiten zu gehen? Bin ich deswegen eine Rabenmutter? Wie soll eine Betreuerin auf mein Kind so eingehen können, wie ich es tue, ihm Liebe und Aufmerksamkeit, die ein Kind benötigt, zu Teil werden lassen? Wie soll eine Fremde seine Bedürfnisse stillen können, wenn sie 12 andere Kinder auch noch betreuen muss? Was ist, wenn Emily die Krippenpädagogin nicht mag? Was ist, wenn sie sie lieber mag als mich? Wird sie von den anderen Kindern gemocht werden? Endlos viele Fragen beschäftigten mich damals und bereiteten mir schlaflose Nächte.

Hätte ich gewusst, welche Gefühlslawine auf mich zukommt und welch Glucke ich werden würde, wäre die Entscheidung, bereits nach einem Jahr wieder arbeiten zu gehen, schon etwas schwieriger gewesen.

Es ist genau ein Jahr her, seit Emily die Krippe besucht. Nach einem Jahr kann ich nun mit etwas Abstand darüber schreiben.

Arbeitende Mütter und die Gesellschaft

„So klein und schon in der Kinderkrippe?!“ Diesen Satz habe ich ziemlich oft von besorgten Bekannten, aber auch Fremden, die weder mich noch meine Umstände kannten, gehört. Fast bemitleidend schauten sie auf Emily und auf mich Rabenmutter, die ihr Kind bereits mit 13 Monaten Fremden anvertraut. Die Ansicht, Kinder gehörten die ersten drei Jahre lang ausschließlich in die Obhut der Mutter, ist weit verbreitet und den Müttern wird schlechtes Gewissen gemacht, wenn sie früh wieder arbeiten gehen.

Dabei vergessen viele, dass Österreich, was Karenzzeiten anbelangt, EU-Spitzenreiter ist. In anderen Ländern gibt es den Luxus nicht, dass man sogar bis zu drei Jahre in Karenz gehen kann. Die Karenzzeiten gehen meist nicht über sechs Monate hinaus. In Frankreich beispielsweise sind es vier, in Italien fünf und Belgien sechs bezahlte Monate.

Außerdem haben nicht alle die Familienkonstellation so, dass die Großeltern bereits in Pension und fit genug sind und die Betreuung übernehmen können. Für uns wäre aber diese Option gar nicht in Frage gekommen. Wir haben uns bewusst für die Krippenbetreuung entschieden. Großeltern kommen oft genug zum Einsatz, wenn die Kinder krank sind, oder wenn man etwas Wichtiges vor hat. Zudem haben die Großeltern die Möglichkeiten gar nicht, die ihnen eine Krippe bietet: Das Kind trifft mit anderen Kindern zusammen (auch aus unterschiedlichen sozialen Schichten) und soll sich in der Gruppe zurechtfinden, es wird mit ihnen gebastelt, gesungen und die Kinder werden auch sportlich aktiv – Turnübungen werden gemacht, es gibt einen Außenspielplatz und bei Schlechtwetter einen Turnsaal. In der Gruppe können sie ihre sozialen Kompetenzen besser stärken und vieles von gleichaltrigen Kindern lernen. In der Kinderkrippe lernen sie auch, Regeln einzuhalten (die Zuhause aus verschiedenen Gründen nicht immer konsequent eingehalten werden). Auch das Regeln einhalten kritisieren Krippengegner. Sie meinen, das gehe zu Lasten der emotionalen Entwicklung der Kinder und wir „erziehen gestresste Regelmenschen“. Aus meiner Sicht ist das kompletter Nonsense. Unsere Welt besteht aus Regeln. Natürlich ist es wichtig, dass die Kinder lernen, dass es Regeln und Grenzen gibt. Auch zu ihrem Schutz brauchen sie diese. Mein persönlicher Alptraum waren immer Kinder, die bei uns auf Besuch waren und ich mich um meine Wohnung und mein Baby fürchten musste. Kinder, die in fremden Häusern Schränke aufmachen, diese ausräumen, Wände anmalen, andere Kinder schubsen etc. und die eigenen Eltern sich nicht dazu berufen fühlen, ihnen zu sagen, dass man das nicht macht. Viele verwechseln, dass Erziehung nicht gleich Bevormundung heißt. Ich möchte, dass mein Kind sich benehmen kann. Mein Kind soll Danke und Bitte kennen, freundlich grüßen und respektvoll mit anderen Kindern umgehen. Mit Regeln bringen wir den Kindern Benehmen bei und bevormunden sie nicht oder lassen sie nicht frei entfalten. Ihr merkt, ich schweife ab. Wieder zurück zum Thema Krippe.

Qualität der Einrichtung

Die Vor- und Nachteile der frühen Fremdbetreuung werden in unserer Gesellschaft leidenschaftlich diskutiert.

So ist es auch sehr schwer pauschal zu definieren, wann man das Kind in die Krippe gibt. Ich denke, dass jede Mutter sich auf den Mutterinstinkt verlassen sollte.

Wichtig ist die Qualität der Krippe. Das Personal sollte besonders feinfühlig im Umgang mit Kleinkindern sein. Wie gehen die PädagogInnen mit den Kindern beim Windelnwechseln, beim Essen und beim Spielen um? Werden die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder gefördert, indem man die Kinder mit Worten begleitet? Geht es in der Einrichtung entspannt, fröhlich und freundlich zu? Wie wird mit Kindern, die auffällig sind, umgegangen? Wie lange sind die BetreuerInnen dort schon tätig? Ideal wäre natürlich, wenn die Gruppen auch nicht zu groß wären und wenn es eine gute Mischung von Kindern verschiedenen Alters gäbe. Gute Einrichtungen verfügen auch über ein Spiel- und Bewegungsangebot (z.B.: Außenspielplatz, Turnsaal).

Warum gibt man das Kind mit einem Jahr in Fremdbetreuung?

Viele Kritiker vergessen, dass es früher, als mehrere Familien unter einem Dach gewohnt haben, wesentlich einfacher war, das Kind ausschließlich Zuhause zu betreuen. Da waren Opa, Oma, Tanten da, die die Eltern entlasten konnten. Heute sind solche Familienkonstellationen selten und außerdem sind viele Familien auch auf das zweite Gehalt angewiesen. Viele Frauen haben auch Angst, wenn sie länger daheim sind, ihren Job zu verlieren, oder nicht wieder in den Beruf zu finden. Andere haben mehrere Kinder, Haushalt, oder sind schlichtwegs überfordert und brauchen Hilfe. Bevor man also mit erhobenem Finger auf Frauen zeigt, die ihr Kind früh betreuen lassen, sollte man Inne gehen und daran denken, dass jeder seine persönliche Geschichte hat und auf verurteilende Blicke und Worte verzichten kann.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, das „Weggeben“ wird nie besser werden. Auch nicht das schlechte Gewissen. Auch wenn es „nur“ ein paar Stunden sind, in denen Emily die Krippe besucht. Auch wenn ich das Privileg habe, einen Beruf zu haben, der mir erlaubt, alle Ferien mit ihr verbringen zu können.

Es gab Tage, an denen ich weinend aus der Krippe rausgegangen bin, weil sie sich an mich geklammert hat und mich angefleht hat, sie mitzunehmen und ich verheult zur Arbeit gefahren bin und trotzdem arbeiten musste. Ja, solche Tage wird es auch immer geben. Solange jedoch die guten Tage überwiegen, solange sie sich trotzdem auf die Krippe, ihre Freunde und ihre Erzieherinnen freut, bin ich beruhigt und dankbar, dass es solche Institutionen gibt. Sie hat zwei wunderbar einfühlsame Betreuerinnen, denen ich bedenkenlos mein Kind anvertraue. Obwohl ich eine Helikopter-Mama bin, lasse ich Emily das nicht wirklich spüren und sie ist extrem aufgeschlossen, kontaktfreudig und extrovertiert. Aber das war nicht der einzige Grund, warum ihre Eingewöhnungsphase kurz und komplett problemlos war. Das war nur deshalb möglich, weil auch die Betreuerinnen einen Großteil dazu beigetragen haben, dass sich mein Kind dort wohl fühlt.

Liebe Muttis, wenn die Qualität der Einrichtung passt und es dort zuverlässige und feinfühlige Personen gibt, die das Kind betreuen, dann solltet ihr kein schlechtes Gefühl haben, das Kind in Fremdbetreuung zu geben. Hört auf eure eigenen Bedürfnisse und vor allem auf die des Kindes. Bedenkt aber auch, dass zurückhaltende und stille Kinder eine längere Eingewöhnungsphase brauchen.

Für Kinder und ihre soziale Entwicklung ist es wichtig, mehrere Bezugspersonen neben den Eltern zu haben. Und Kinder brauchen vor allem andere Kinder. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Kinder, die eine gute Krippe besucht haben, mit fünf Jahren sprachlich und sozial weiter waren.

Was die Bindung des Kindes zur Mutter anbelangt: Keine Angst, dass ihr „ersetzt“ werdet. Im Leben eurer Kinder werdet ihr nach wie vor die zentrale Figur abgeben. Wenn das Kind eine andere Person als weitere Bezugsperson akzeptiert, dann ist es kein Verlust sondern eine Bereicherung.

Ein kleiner Tipp zum Schluss: „Packt die Kinder nicht nur ein, sondern nehmt euch bewusst ein bisschen Zeit nach dem Abholen. Unternehmt auf dem Nachhauseweg etwas, auch wenn es auf Kosten von Haushalt und Kochen geht. Das finde ich enorm wichtig, um die gute Beziehung aufrechtzuerhalten und mit direkter Zuwendung die Zeit, in der man nicht beim Kind sein konnte, „wieder gut zu machen“. Natürlich geht es nicht immer, weil trotzdem immer irgend eine Arbeit auf einen wartet. Ich nehme mir aber bewusst diese Zeit. Manchmal gehen wir zusammen Mittag essen, Eis essen oder fahren zum See und spazieren eine Runde. So kann sie mir von ihrem Tag erzählen und ich kann mich komplett auf sie konzentrieren. Zuhause würde mich der Berg ungebügelter Wäsche anschauen, oder der Herd rufen. In diesem Sinne:

Slow down. Smile. Enjoy it.